Verifikation und Verwaltigungsvorwürfe: Ist 2020 das Ende von PornHub? - Internet und Technik

DMW007 - Projektleitung 06.01.21 14:15
Für Pornhub war 2020 wohl das schwierigste Jahr überhaupt: Zuerst versucht die Landesmedienanstalt die Betreiber dazu zu zwingen, eine Altersverifikation einzubauen. Auch wer nur Videos schauen möchte, soll demnach sein Alter verifizieren müssen. Doch dann erzeugte ein Journalist ein großes Medienecho mit Videos, die von Ex-Partnern oder Vergewaltigern auf PornHub hochgeladen wurden. Daraufhin fürchteten mehrere Kreditkartenunternehmen um ihr Image und stellten die Zusammenarbeit mit der verbreiteten Porno-Seite ein.

Die Betreiber zogen die Notbremse: Videos durfte nur noch hochladen, wer mit Ausweisdokumenten verifiziert wurde. Zusätzlich wurden alle Videos von bisher unverifizierten Uploadern entfernt. Die große Mehrheit der Videos ist damit nicht mehr verfügbar. Schließlich will kaum jemand seine persönlichen Daten hinterlegen, wenn er seine bevorzugten Pornografischen Inhalte konsumiert oder sogar selbst welche bereitstellt.

Doch selbst das scheint einigen Aktivisten noch nicht weit genug zu gehen: Unter www.traffickinghubpetition.com wird gefordert, PornHub komplett abzuschalten. Die Petition läuft schon seit geraumer Zeit. Inzwischen haben 2 Millionen Menschen unterzeichnet.

Ist PornHub böse und für Verbrechen verantwortlich?

In der Petition werden Beispiele von Vergewaltigungsopfern und Zuhälterei genannt. Die Täter hatten ihre Opfer zu sexuellen Handlungen genötigt, diese gefilmt und anschließend auf PornHub geladen. Dass dies menschenverachtend und strafbar ist, steht außer Frage. Doch die Aktivisten werfen PornHub vor, mangels verpflichtender Ausweisprüfung an diesen Taten ebenfalls schuld zu sein.

Die Internet Watch Foundation bestätigte 118 Fälle von Kindsmissbrauch und Kinderhandel. Allerdings hat PornHub 42 Milliarden Besucher und 6 Millionen hochgeladener Videos - jedes Jahr. Das entspricht über 16.000 neuer Videos pro Tag. Rechnet man mit einer Dunkelziffer vom Faktor 10, zeigen 0,02% der Videos Kindesmissbrauch.

Welche Folgen und Risiken hätte eine solche Ausweisprüfung?

Wird PornHub z.B. gehackt, besitzt der Angreifer sehr sensible persönliche Daten. Ein Ausweis kann nicht nur für Betrug missbraucht werden. Die Person kann erpresst werden, wenn sie sexuelles Material hochgeladen hat. Dies hätte schwerwiegende Folgen für normale Menschen, die dort gelegentlich völlig freiwillig und legitim ein selbst erstelltes Video veröffentlichen. Genau diese Menschen sind aber die Mehrheit - nur ein Bruchteil lädt Kinderpornographie oder Sexvideos vom Ex-Partner hoch.

Darüber hinaus ist fraglich, ob so eine Prüfung überhaupt etwas gegen Missbrauch bewirkt. Wer einen Menschen derart kontrolliert wie z.B. ein Zuhälter, der wird sich auch Zugang zum Ausweis des Opfers verschaffen. Laut PornHub ist dies in einem der Fälle sogar passiert: Der Vergewaltiger hat sein Opfer zur Verifikation gezwungen. Wirksam wäre eine Ausweisprüfung höchstens bei Minderjährigen, die freiwillig sexuelles Material auf die Platform laden. Dies wird von der Petition jedoch nicht thematisiert. Dort geht es primär um Missbrauchsfälle, wenn sexuelle Videos ohne Einverständnis der dargestellten Person im Internet landen.

Wird PornHub das überleben?

In doppelter Hinsicht sind bereits die aktuellen Maßnahmen ein schwerer Schlag für die Platform: Ein Großteil der Videos ist nicht mehr abrufbar. Zwar müssen aktuell die Zuschauer nicht verifiziert sein. Doch es ist davon auszugehen, dass die Verifizierungspflicht viele Videoproduzenten abschrecken wird. Vor allem Hobby-Amateure, die für gelegentliche Videos keine sensiblen persönlichen Daten der Platform anvertrauen möchten (siehe Risiken oben).

Damit ist ein Teufelspreis entstanden. PornHub besitzt nur noch relativ wenige Videos und durch die hohen Hürden der Verifizierung werden auch die neu hochgeladenen drastisch sinken. Beide Seiten werden daher voraussichtlich zu anderen Alternativen wechseln. Schließlich gibt es dutzende ebenfalls recht große Pornoseiten, die keine Verfizierung benötigen. Da diese nicht im Medienfokus stehen, ist nicht davon auszugehen, dass diese ihre Benutzer mit so etwas freiwillig vergraulen.

Was denkt ihr: Wird PornHub von einer der größten Pornoseiten tief fallen und in der Bedeutungslosigkeit versinken?
Setzt sich die Verifizierung der Uploader durch und wird bald auf allen großen Seiten Standard sein?
Ist solch eine Verfizierung überhaupt geeignet, um Straftaten wie Vergewaltigung und Missbrauch zu verhindern, so wie es die Petition fordert?
Welche Alternativen könnten die normalen legitimen Nutzer nicht beeinträchtigen und gleichzeitig vielleicht sogar wirksamer sein?
Maus - 29.03.21 10:30
In den letzten drei Jahren meldete Facebook selbst 84 Mio. Fälle von Material über sexuellen Kindesmissbrauch. Im gleichen Zeitraum meldete die unabhängige, dritte Internet Watch Foundation 118 Vorfälle auf Pornhub. Sagt das nicht schon alles darüber aus, wie absurd es ist, auf Pornhub als Sündenbock herumzureiten?

"Diese Nachricht ist niederschmetternd für die Hunderttausende von Models, die sich für ihren Lebensunterhalt auf unsere Plattform verlassen", sagte Pornhub zu den ersten Schritten von Mastercard. Was werden diese Menschen tun? Wahrscheinlich prostituieren. Statt Videos im Internet zu drehen. Das ist doch kein Fortschritt?
Investigator - 09.06.21 17:51
Sexuelle Ausbeutung muss bekämpft werden, keine Frage. Visa und Mastercard sind die falschen Instanzen, um diese Probleme anzugehen. Das sind Themen, mit denen sich Rechtsexperten, Menschenrechtsexperten, Gesetzgeber und Gerichte im in- und Ausland seit Jahren intensiv beschäftigen. Die Wahrheit ist, dass es schwierig ist, Richtlinien für die Meinungsäußerung so zu gestalten, dass große Teile der legitimen und wertvollen Meinungsäußerung nicht unterdrückt werden. Und es ist falsch, dass Visa und Mastercard die Macht haben sollen, das zu entscheiden.

Noch wichtiger ist, dass wir als Gesellschaft Visa und Mastercard nicht die Autorität gegeben haben, zu entscheiden was man sehen darf und was nicht. Diese Unternehmen wurden von keiner Wählerschaft in irgendeinem Land gewählt oder bestimmt. Sie sind hier, um Sprachregeln durchzusetzen, die wir in den Vereinigten Staaten nicht angenommen haben - und die, offen gesagt, wahrscheinlich die US-Verfassung verletzen würden, wenn sie angenommen würden. Und leider ist dies nicht das erste Mal, dass die Entscheidungen dieser Unternehmen die Online-Sprache gefährdet haben.

Dies ist keine Debatte darüber, ob Pornhub schlecht ist. Es geht um die Frage, welches Maß an Zensurmacht wir den Zahlungsdienstleistern geben wollen. Ironischerweise waren bis jetzt einige der mächtigsten Kritiker von Pornhubs Politik die Sexarbeiterinnen, die auch täglich mit der Ablehnung ihrer Seiten durch die Kreditkartenunternehmen zu kämpfen haben. Die Macht dieser Unternehmen mag heute als eine Möglichkeit gesehen werden, Pornhub zur Rechenschaft zu ziehen: aber jeden anderen Tag werden sie dazu benutzt, die finanzielle Freiheit unabhängiger Sexarbeiterinnen, Pornhubs Konkurrenten und potenzielle Alternativen zu ihrer Beinahe-Monopolmacht, zu beseitigen.

Jede Website oder Einzelperson kann mit dem moralischen Empfinden von Visa und Mastercard in Konflikt geraten und vom Empfang von Online-Zahlungen ausgeschlossen werden. Wir haben es mit WikiLeaks gesehen. Wir haben es mit dem Kink Social Network Fetlife gesehen. Wir sahen es mit dem Buchverlag Smashwords. Und wir haben es bei unzähligen Sexarbeitern gesehen.

Diejenigen, die das Vorgehen von Mastercard und Visa jetzt loben, sollten erkennen, dass diese Zensurbefugnisse häufiger gegen diejenigen eingesetzt werden, die keine Macht haben. Das sollte uns alle erschrecken. Wir hoffen, dass diejenigen, die die Aktionen gegen Pornhub loben, zusammenarbeiten werden, um die Macht dieser Zahlungsabwickler über das Online-Leben zu reduzieren, anstatt Rechtfertigungen zu liefern, warum sie sie behalten sollten..

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